Dein Baby schreit im Auto wie am Spieß – und zwar so gut wie jedes Mal? Dann geht es Dir vielleicht wie mir und Du bist gefühlt umgeben von Eltern mit zufrieden im Auto schlummernden Kindern, während Dein eigenes Baby Autofahren hasst. Für viele Eltern ist Autofahren sogar die Geheimwaffe, wenn Babys nicht gut einschlafen können.
Wie bringe ich mein Baby dazu, im Auto nicht mehr zu schreien? In vielen Ratgebern findest Du entsprechende Tipps für den Fall, dass diese zufriedenen Autofahr-Babys mal ausnahmsweise oder vorübergehend nicht zufrieden sind: Wechsel die Windel, sing ein Lied oder fütter‘ Dein Kind mal. Als ob Du das nicht alles selbst schon ausprobiert hättest!
Ich möchte Dir darum als Allererstes sagen: Du bist nicht allein und mit Deinem Kind ist höchstwahrscheinlich auch alles in Ordnung! Es gibt Kinder, die in den ersten Lebensmonaten oder -jahren nur sehr schwer im Auto oder Kinderwagen fahren können und das liegt nicht an den Eltern, sondern hat einen guten Grund. Welchen, das erfährst Du jetzt.
Warum schreit mein Baby im Autositz? Die Evolution ist schuld!
Ja, es stimmt: Viele Kinder lassen sich gerade durch Autofahren wunderbar beruhigen und schlafen dabei häufig sogar ein. Aber ausgerechnet Dein Baby schreit im Auto wie am Spieß! Dabei sprechen wir hier nicht von normalem Unwohlsein, das z.B. durch Hunger, Kälte oder Krankheit verursacht wird. Wir sprechen hier von Babys und Kleinkindern, die konsequent jedes Mal im Autositz weinen, sich hineinsteigern und irgendwann brüllen, bis das Auto anhält. Sobald sie abgeschnallt werden und zu Mama oder Papa dürfen, ist der Spuk schnell wieder vorbei und alles scheint in bester Ordnung.
Kommt Dir sehr bekannt vor? Dann fragst Du Dich vielleicht, warum gerade Du es nicht hinbekommst, Dein Baby im Auto zu beruhigen. Ich kann Dir sagen: Das liegt nicht an Dir, sondern an der Situation. Schuld ist, mal wieder, die Evolution!
Denn die Instinkte und Grundbedürfnisse, mit denen unsere Babys geboren werden, sind im Prinzip noch dieselben wie in der Steinzeit. Erst im Laufe der ersten Lebensjahre finden Lernprozesse statt, die sie verstehen lassen, wie die Welt heute abläuft. Anfangs werden Säuglinge vor allem von ihren angeborenen Überlebensinstinkten geleitet und fordern entsprechende Grundbedürfnisse ein – je nach Temperament mit mehr oder weniger Vehemenz. Seine Instinkte sagen Deinem Baby: Am sichersten ist es am Körper einer vertrauten Person. Diese passt auf mich auf und gibt mir Nahrung. Abgelegt werden kann für Dein Baby gleichbedeutend sein mit Lebensgefahr. Der berüchtigte Säbelzahntiger oder ein menschlicher Feind könnten kommen, aber auch Kälte oder Hunger.
Je nach Temperament weigern sich darum viele Babys, sich ablegen zu lassen – egal ob im Auto, Kinderwagen oder irgendwo anders. Schlimmer als ablegen ist für manche Babys nur eins: Ablegen und angeschnallt werden. Dieselben Kinder schlafen häufig nur mit viel Nähe ein oder durch, möchten häufig an der Brust nuckeln und akzeptieren keinen Schnuller. Egal, welche Tipps Du ausprobierst, um das zu ändern – nichts hilft. Heute spricht man auch von High Need Kindern oder 24-Stunden-Babys. In der Steinzeit wäre das Verhalten dieser Babys vermutlich gar nicht groß aufgefallen.
Kurz gesagt ist also mit Deinem Kind vermutlich alles in Ordnung. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Es kann sein, dass Du nicht viel tun kannst, um das Autofahren einfacher zu machen.
Baby schreit im Auto – was tun?
Trotzdem lohnt es sich, bestmögliche Umstände zu schaffen und verschiedene Tipps gegen die Auto-Aversion zu versuchen. Immerhin können manche Maßnahmen vorübergehend helfen und zum Beispiel kurze Autofahrten überbrücken. Einen universalen Trick, der bei allen Säuglingen hilft, gibt es dabei nicht. Auch kann es sein, dass etwas eine Weile hilft und danach das Schreien im Auto weitergeht.
Wie beruhige ich mein Baby im Auto? Die üblichen Tipps hast Du wahrscheinlich schon alle ausprobiert und schnell festgestellt, dass sie wirkungslos sind: Den Schnuller lehnt Dein Kind vielleicht grundsätzlich ab, ein beruhigendes Lied übertönt es mit Sicherheit mit lautem Brüllen und vermutlich bist Du schon oft genug während der Fahrt stehen geblieben und hast gestillt oder eine Flasche gegeben, um zu wissen, dass Hunger nicht das Problem war.
Trotzdem findest Du hier eine vollständige Liste an möglichen Ursachen, die Du zu beheben versuchen kannst. Es ist möglich, dass nichts davon hilft, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Manchmal sind es ganz kleine Veränderungen, die das Autofahren mit Baby zumindest ein klein wenig besser machen.
Grundbedürfnisse prüfen
Wie immer, wenn ein Baby unzufrieden ist, solltest Du folgende Punkte prüfen:
- Hunger bzw. Durst?
- Bäuerchen?
- Windel voll?
- Schnuller?
- zu kalt?
- zu warm?
- Sonne blendet?
Ob Dein Baby die richtige Temperatur hat, kannst Du am besten am Nacken prüfen. Fühlt sich die Haut dort kühl an, friert es vermutlich. Wenn die Haut dort heiß oder verschwitzt ist, ist es zu warm angezogen für die Autofahrt. Wenn Du das Auto aufheizt, solltest Du im Hinterkopf haben, was Dein Kind trägt. Die Babyschale wärmt bzw. isoliert zusätzlich sehr gut.
Eine dicke Daunenjacke oder Schneeanzug solltest Du Deinem Kind für die Autofahrt sowieso immer ausziehen, denn im Fall eines Unfalls wird das Material in der Fütterung zusammengedrückt und die Gurte sind nicht mehr eng genug – Dein Kind könnte herausrutschen und verletzt werden.
Nähe zur Bezugsperson
Vor allem für Babys, die auch sonst viel getragen und gestillt werden möchten, ist es schwierig, wenn sie von Mama oder Papa getrennt sein sollen, und dann auch noch festgeschnallt und in einer passiven Zwangsposition. Vor allem alleine auf dem Rücksitz kann das zur emotionalen Tortur werden. Denn dass jemand weiterhin existiert, auch wenn wir ihn nicht sehen können, verstehen Säuglinge erst nach vielen Monaten. Man spricht hier übrigens von „Objektpermanenz“.
Einige Babys werden darum viel ruhiger, wenn die Bezugsperson direkt neben ihnen sitzt und sie sie sehen können. Ich kenne sogar einige Mütter, die ihre Babys im Autositz stillen, während jemand anderes fährt, damit diese sich beruhigen oder sogar einschlafen können.
Wenn Du allein mit dem Baby fahren musst, kann es helfen, die Babyschale auf dem Beifahrersitz anzubringen. Dann musst Du aber unbedingt den Beifahrer-Airbag ausschalten. Außerdem solltest Du Dein Kind nicht während der Fahrt beruhigen, das könnte Dich ablenken und die Unfallgefahr erhöhen.
Ablenkung und Beschäftigung
Je älter ein Säugling wird, desto empfänglicher ist er auch für Ablenkung verschiedenster Art. Auf jeden Fall versuchen solltest Du
- Kinderlieder singen
- Kinderlieder oder klassische Musik abspielen
- weißes Rauschen abspielen
- Spielzeuge mit Sound und Licht
Dein Baby schreit im Auto wenn es dunkel ist? Auch das kommt nicht selten vor. Helfen kann es, das Licht über dem Rücksitz anzumachen. Im absoluten Notfall holen Eltern oder große Geschwister auch mal ihr Smartphone heraus und zeigen Fotos oder kurze Videoclips.
Müdigkeit oder Bewegungsdrang
Manche Kinder können nicht gut im Kindersitz fahren, wenn sie sich nicht ausreichend bewegt haben. Wenn sie dagegen müde sind, schlafen sie ein und können die Fahrt besser verkraften.
Kinder, die es gewöhnt sind, an der Brust oder in der Trage einzuschlafen, werden dagegen umso mehr Probleme haben, wenn sie müde in den Kindersitz gesetzt werden. Genau in einer Situation, in der sie die Nähe von Mama oder Papa bräuchten, müssen sie alleine sitzen bzw. liegen und werden sogar noch angeschnallt. Versuche also einfach mal, loszufahren, wenn Dein Kind ausgeschlafen und zufrieden ist.
Kindersitz prüfen
Gerade für Kinder mit viel Bewegungsdrang und innerer Unruhe ist das Anschnallen mit dem Gurt ein großes Problem. Manchmal können sie das für 5 oder 10 Minuten tolerieren, aber danach möchten sie sich bewegen – und können es nicht. Du kannst versuchen, ob ein anderer Autositz für mehr Toleranz sorgt. Allerdings würde ich Dir nicht empfehlen, vor dem 3. Geburtstag auf einen vorwärts gerichteten Kindersitz umzusteigen, weil das Fahren entgegen der Fahrtrichtung (im Reboarder) deutlich sicherer für Dein Kind ist.
Aber sogar in der Babyschale kannst Du für mehr Bewegungsfreiheit sorgen. Prüfe, ob Dein Kind den Sitzverkleinerer wirklich noch braucht und ob die Gurte richtig eingestellt sind. Sie sollten immer direkt über den Schultern aus dem Sitz kommen, sonst sind sie womöglich unbequem.
Sogenannte Reboarder sind rückwärtsgerichtete Kindersitze, die Du oft bis zum 4. Geburtstag oder länger verwenden kannst. Einige dürfen auch schon für Neugeborene verwendet werden. Reboarder sind oft höher und gleichen die Neigung der Sitzbank besser aus – einen Versuch ist es darum wert.
Denn durch eine erhöhte Sitzposition können die Kleinen mehr sehen und sind dadurch oft zufriedener. Auch die Sitz- bzw. Liegeposition ändert sich mit einem anderen Autositz – und ist damit vielleicht bequemer.
Es ist auch möglich, dass Dein Kind durch Verspannungen oder Blockaden in der Wirbelsäule in der Autoschale Schmerzen hat. Es muss darin ja in einer ganz bestimmten Position liegen und kann sich kaum bewegen. In diesem Zusammenhang kann sich ein Besuch beim Osteopathen lohnen.
Reiseübelkeit
Dein Kind weint erst nach 10-20 Minuten im Auto, während es anfangs noch zufrieden wirkt? Dann könnte es sein, dass es unter Reiseübelkeit leidet. Das ist zwar im Babyalter nicht sehr häufig, aber möglich wäre es dennoch. Dann solltest Du dafür sorgen, dass es aus dem Fenster schauen und auf dem Beifahrersitz fahren kann. Im Extremfall gibt es auch Zäpfchen bzw. Tabletten dagegen. Sprich am besten mit Deinem Kinderarzt darüber. Es gibt auch Globuli gegen Reiseübelkeit bei Babys, die Du ausprobieren kannst.
Positive Konnotation
Spätestens im Kleinkindalter lässt sich das Autofahren auch positiver vermitteln. Nicht nur durch eigene Spielzeugautos wird das Interesse geweckt. Nimm Dir ruhig auch mal die Zeit, Dich mit Deinem Kind im Auto aufzuhalten, ohne dass eine Fahrt geplant ist.
Meine Erfahrung: Mein Baby hasst Autofahren und nichts hilft
Was aber, wenn du nun all diese Tipps ausprobiert hast, und Dein Baby trotzdem im Autositz schreit? Dann geht es Dir wie mir mit allen meinen drei Kindern, denn mit Auto-Schrei-Babys habe ich, leider, viel Erfahrungen sammeln müssen.
Besonders mein Großer hat bei ausnahmslos jeder Autofahrt so lange geschrien, bis wir irgendwann da waren. Wenn die Autofahrt 3 Stunden gedauert hat, hat er 3 Stunden durchgeschrien. Er wurde auch nicht müde oder resigniert. Er hat einfach immer weiter gemacht. Vor allem für den Fahrer, der sich ja konzentrieren muss, kann das wirklich schwierig sein. Aber auch die Nerven aller anderen Beteiligten lagen regelmäßig blank.
Und geholfen hat: Nichts. Wir haben uns also damit abgefunden und unser Leben so organisiert, dass wir die meisten Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen konnten. Außerdem haben wir an unseren Erwartungen gearbeitet, dass Kinder ja „eigentlich“ im Auto ruhiger werden und einschlafen, wenn sie müde sind. Denn diese Erwartungen können sich schnell zu Enttäuschung oder sogar Wut über die Situation oder das eigene Kind wandeln, wenn sie nicht erfüllt werden.
Baby hasst Autofahren – wann wird es besser?
Wann genau sich die Situation im Einzelfall bessert, kann Dir niemand sagen. Aber mein wichtigster Tipp: Hör nicht auf, es zu versuchen. Und sei nicht wütend auf Dein Kind, wenn es weiterhin nicht klappt. Auch wenn mit 3 Monaten oder 8 Monaten nichts geholfen hat, muss das nicht so bleiben.
Wann es bei uns besser wurde? Auch mit einem Jahr haben meine Kinder im Auto noch geschrien. Bei den jüngeren beiden hat es im zweiten Lebensjahr aufgehört, der Große dagegen konnte auch nach dem zweiten Geburtstag nicht länger als 15-20 Minuten Autofahren, ohne zu weinen. Heute dagegen können wir mit ihm einmal quer durch Deutschland fahren und er hat keinerlei Probleme. Es wird also alles gut. Irgendwann. Und bis dahin heißt es: Durchhalten!